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Friseure als Seelsorger

Interview

Interview im Rahmen des Beitrags: "Helmut Markwort will Friseur als Gesundheitsberuf einordnen: Was steckt dahinter?" auf web.de (11.02.2021)

 

Friseure als Seelsorger

Viel deutlicher sei ihr aber bewusst, dass die Friseurbesuche ein wichtiger Faktor für das psychische Wohlbefinden ihrer Kunden seien, sagt Bauer. "Wir hatten seit zwei Wochen ohne Gewähr wieder Termine angenommen, weil wir gehofft hatten, dass wir am 15. Februar öffnen dürfen. Und in den Telefonaten haben wir gemerkt, wie groß bei den Kunden die Vorfreude darauf ist, wieder zum Friseur gehen zu können."

Dass viele Menschen den Verzicht auf den Friseurbesuch als besonders schmerzhaft empfinden, ist für den Psychologen Ingo Ostgathe nachvollziehbar. In der Maslowschen Pyramide, die die Bedürfnisse des Menschen hierarchisch abbildet, stehen gleich nach den Grundbedürfnissen wie denen nach Nahrung und Schlaf und dem Sicherheitsbedürfnis die sozialen Bedürfnisse.

 

Diese würden beim Friseurbesuch in hohem Maße gestillt. Oft gingen Menschen über Jahre regelmäßig zum selben Friseur und würden diesem viel von sich erzählen. "Da ist jemand, der hört zu, gibt Anregungen, ist an meinem Wohl interessiert", sagt Ostgathe.

Menschen haben Bedürfnis nach Selbstausdruck

"Außerdem macht er mir Komplimente, gibt mir Lob." Damit würde die nächste Ebene der Pyramide berührt, weil das Bedürfnis nach Anerkennung gestillt würde.

An der Spitze der Pyramide steht schließlich das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung. Weil es ein Akt der Kreativität sei, sich seine Wunschfrisur auszudenken und diese dem Friseur gegenüber zu kommunizieren, würde auch die höchste Ebene der Pyramide angesprochen.

Menschen würden durch die Frisur oft auch eine innere Haltung ausdrücken. Es werde als unangenehm empfunden, wenn die äußere Erscheinung nicht zur inneren Einstellung passe. Das könne im Extremfall so erlebt werden, als würde einem die Würde genommen.

 

Für Ostgathe sei das bei seiner Arbeit im Krankenhaus deutlich geworden. Dort sei es für manche Patienten, die sich kaum bewegen können, trotzdem wichtig, dass sie ihr äußeres Erscheinungsbild pflegen können. Gerade in einer Zeit, in der es ihnen gesundheitlich schlecht geht, würden sie sich damit selbst signalisieren: "Ich bin es mir wert, dass ich mich pflege. Es ist nicht alles egal, ich gestalte noch."

Unmut über top-gestylte Politiker

Für zusätzlichen Unmut sorgt in der aktuellen Situation, dass die meisten Politiker, die die Friseurschließungen verantworten, selbst bei öffentlichen Auftritten makellos gepflegt erscheinen. Das sorgt dem Psychologen zufolge für eine empfundene Asymmetrie.

"Volksvertreter – Politiker sollten uns ja eigentlich auf Augenhöhe vertreten – werden nicht mehr als tatsächliche Vertreter empfunden, weil sie offensichtlich in einer ganz anderen Lebensrealität sind als wir."

Die Botschaft, die dabei vermittelt werde, laute: "Haltet euch an die Regeln, aber wir zeigen, dass wir sie umgehen können." Auch wenn es rechtlich möglicherweise unproblematisch sei, widerspreche das dem Fairness-Empfinden vieler Menschen.

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Praxis für Coaching, Beratung und
Psychotherapie (HeilprG)

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